Naturalisierung der Gewalt gegen Tiere
Entgegen der Propaganda der Pelzindustrie, die versucht, dem Pelztragen eine „Natürlichkeit“ zuzuschreiben und „Pelztiere“ als „natürliche Ressourcen“ auszugeben, ist das Bekleiden mit Pelzwaren somit ein Resultat unserer speziesistischen Kultur. Tierausbeutung ist eine soziale Katastrophe und nicht „natürlich“. Ohnehin wirkt das Vorhaben der Pelzindustrie lächerlich, im 21. Jahrtausend einen „Naturzustand“ und eine Höhlenromantik zu bemühen. So führt z.B. die internationale Lobbyorganisation des Pelzhandels, die International Fur Trade Federation, als Rechtfertigungsgrund, Tiere für Pelzwaren zu töten, an, dass „die Populationen in freier Wildbahn unter Kontrolle gehalten werden“ müssten (International Fur Trade Federation: Was Sie über Pelze wissen sollten, 1989, S.4). Ungeachtet der Dummheit dieser These, übergeht die Lobbyorganisation mehr als ungeschickt, dass der Großteil der verkauften Felle von Tieren stammt, die absichtlich auf Farmen gezüchtet und dort umgebracht werden. Bis zu hunderttausende Tiere werden auf „Pelzfarmen“ in Intensivhaltung „produziert“. Ein Pelztierhaltungsbetrieb, eine „freie Wildbahn“?
Geradezu peinlich ist auch die Behauptung, Pelz sei ein „Naturprodukt“ und umweltfreundlich, nachdem der im Bekleidungswerk bearbeitete Tierpelz viele chemische und mechanische Eingriffe mit großem Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung durchlaufen hat, bevor er am Kleiderbügel hängt. Aber dies sind ohnehin nur unbeholfene Manöver des Pelzhandels, die von der ihm fehlenden Legitimation ablenken sollen, Tieren Gewalt anzutun.
Dieses Legitimationsdefizit wurde der Öffentlichkeit bei der Frage, ob Tiere für Pelzprodukte gefangengehalten und getötet werden dürfen, bereits in den 70er Jahren bewusst und einleuchtend; früher als bei anderen „Tierprodukten“; freilich auch, weil Pelz irreführender Weise das Label eines „Luxusgutes“ erhielt und viele Menschen Pelz, anders als z.B. Fleisch oder Milch, als „verzichtbar“ hielten. Im Sinne der Tierrechtskonzepte und der Tierbefreiungsidee ist die Kritik an der systematischen Tierausbeutung jedoch keine Frage des Verzichts oder Geschmacks, sondern der Aufklärung, der Freiheit, der Solidarität und der Befriedung des Mensch-Tier-Verhältnisses – und diese schließt eine Absage an alle Tierausbeutungsformen und somit -produkte mit ein.
Die Pelzindustrie befand sich aus oben benannten Grund als eine der ersten Tierausbeutungsindustrien „bereits“ in den 70er Jahren, zunehmend dann in der 80er Jahren in mehreren Ländern in der öffentlichen Kritik und unter Begründungszwang. Spätestens als die globale Tierrechtsbewegung / Tierbefreiungsbewegung nicht mehr nur vereinzelt vor Pelzgeschäften oder bei Pelzmodenschauen demonstrierte, sondern einzelne „Pelztiere“ aus „Pelzfarmen“ befreite, in den Innenstädten der Öffentlichkeit das auf „Pelzfarmen“ erstellte Foto- und Filmmaterial über das Elend der Pelztierhaltung zeigte und den Bekleidungsunternehmen gehäutete Tierleichname, die sie neben den „Pelzfarmen“ fanden, vor die Eingangstüren legte, spätestens dann war eine drängende Unmittelbarkeit und ein Aufklärungsniveau erreicht, die den Pelzhandel in die Krise stürzten. Das Mittel, das die Pelzindustrie gegen die Aufklärung und Emanzipation der Verbraucherinnen und Verbraucher einsetzte, waren sodann zahlreiche neue Verdummungsstrategien.
